Unterschiedliches Schmerzempfinden bei Männern und Frauen

Auch verschiedene Hormone und Gene haben Einfluss auf Schmerzempfindlichkeit

 

von
Dr. med. Thomas-Ulrich Götz
Leiter der Schmerzambulanz, MVZ Bonifatius Hospital Lingen

Viele Untersuchungen haben gezeigt, dass Frauen Schmerzen im Durchschnitt intensiver wahrnehmen als Männer. Der Unterschied hat z.B. etwas mit den männlichen und weiblichen Geschlechtshormonen zu tun. Testosteron senkt das Schmerzempfinden, das weibliche Östrogen steigert es dagegen. Das Bild vom harten, testosterongestählten Kerl hat einen wahren Kern, denn Männer spüren einfach weniger Schmerzen. Krankheiten, die mit Schmerzen einhergehen finden sich häufiger bei Frauen als bei Männern. So haben Frauen häufiger Migräne, Rheuma, Fibromyalgie, Kopfschmerzen oder auch ein früher unter dem Namen Morbus Sudeck bekanntes Schmerzsyndrom nach Frakturen an Extremitäten. Wenn man die Schmerzschwellen für Temperatur und Druck bei Männern und Frauen misst, wird man feststellen, dass bei allen Untersuchungen Frauen empfindlicher auf die Schmerzreize reagieren als Männer. So geben Frauen Schmerzempfinden schon bei ca. 47° Temperatur an, sodass eine weitere Temperaturerhöhung als nicht mehr aushaltbar erscheint. Bei Männern passiert dies erst bei 50°. Auch die Druckschmerzschwelle liegt bei Frauen deutlich niedriger als bei Männern. Ein stärkeres Schmerzempfinden bei der Schwangerschaft wäre bei einem schmerzhaften Geburtsvorgang bei Frauen hingegen sehr störend. Hier bedient sich die Natur allerdings mit einem hormonellen Trick. Östrogene hemmen das Schmerzempfinden. Der Östrogenspiegel im Blut steigt während des Zyklus an und erreicht nach dem Eisprung seinen höchsten Stand. Aber auch während der Schwangerschaft steigt der Östrogenspiegel an und die Schmerzschwelle sinkt ab der 33. Schwangerschaftswoche deutlich ab. Somit sind Frauen während des höchsten Fruchtbarkeitsstadiums und während der Schwangerschaft besonders schmerzunempfindlich. Der jagende und sammelnde Mann hatte hingegen einen evolutionären Vorteil durch den günstigen Testosteron-Hormoneinfluss beim Schmerz. Er bekam nicht nur mehr Muskeln und Schnelligkeit, sondern das Testosteron machte den männlichen, ursprünglich primär jagenden Homo sapiens auch schmerzunempfindlicher. Allerdings ist auch der allseits zitierte wehleidige „Männerschnupfen“ erklärbar, denn Testosteron, das männliche Sexualhormon, macht nach neuer Studienlage nachweislich leider auch anfälliger für Infekte und führt auch zu schlimmeren Verläufen.

Neben dem Geschlecht bestimmen aber auch bestimmte Gene das Schmerzempfinden des Menschen. Rothaarige sind in der Weltbevölkerung so selten, dass sich eine Masse an Mythen über sie standhaft hält. 70 verschiedene Varianten des MC1R-Gens konnte man entdecken. Nur bei fünf von ihnen ist auf dem Chromosom 16 klar, dass sie sich an der roten Haarfarbe beteiligen. Rothaarige Menschen mit diesen Erbanlagen nehmen Schmerz anders wahr als andershaarige Artgenossen. Sie reagieren etwas sensibler auf thermische Reize im Vergleich zu Menschen mit einer anderen Haarfarbe. Druck, Nadelstiche oder Schnitte tolerieren sie besser. Rothaarige sprechen auf bestimmte Opioide (Pentazocin) besser an, dies bietet einen gewissen Vorteil für sie.

Bestimmte Gene beeinflussen also z.B. wieviele körpereigene Opiate, die sogenannten Endorphine, eine einzelne Person bildet. Je mehr Endorphine jemand bildet, desto weniger Schmerzempfinden hat er. Das entscheidende Gen gibt es in drei Varianten: Die so genannte Valin-Valin-Variante sorgt für einen hohen Opiatspiegel und damit für eine geringe Schmerzempfindlichkeit, während Menschen mit der Methionin-Methionin-Variante deutlich schmerzempfindlicher sind.

Letztlich gibt es deutliche Unterschiede in der Schmerzverarbeitung zwischen Männern und Frauen, aber auch bestimmte Gene haben offenbar entscheidenden Einfluss auf das Schmerzempfinden. Schmerzmittel wirken zum Teil bei Männern anders als bei Frauen. Hier wird es künftig noch viel Forschungsbedarf geben. Seit 1994 müssen deshalb Untersuchungen von Schmerzmitteln in Deutschland an Männern und Frauen durchgeführt werden. Insgesamt ist es somit richtig und wichtig, dass mittlerweile geschlechtsspezifische Untersuchungen durchgeführt werden, da nicht nur Männer und Frauen bei Schmerzen auf Behandlung und deren Nebenwirkungen unterschiedlich reagieren, sondern auch bestimmte Gene deutlich unterschiedliche Komplexabläufe und Einflussgrößen bei Schmerzen haben. Hier wird es durch intensive Forschung sicher bald weitere nützliche Entdeckungen geben.

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